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Die
„Lex Boronia“

Wie ich in
meiner Eröffnungsrede schon andeutete, gewährte man mir Einblick
in die legendäre "Lex Boronia", das heilige Ordensbuch
der Golgariten. Auch wenn es eine gekürzte Fassung war (aus welchen
Gründen auch immer), möchte ich hier einmal die 11 Kanones
wiedergeben, die grossen Abschnitte innerhalb des Buches:
Kanon
I
„Gegründet sei hiermit der Orden
des Heiligen Golgari zu Ehre und Ruhm des Herrn über Schlaf, Tod
und Vergessen, dem göttlichen Boron. Ihm zu dienen und Ihm zum Wohlgefallen,
den Gläubigen zum Schutze und Schild gegen das Übernatürliche
und den Toten zum Gedenken an ihre Taten, die eingehen in die Ewigkeit
des göttlichen Boron. (…)
Der Orden des Heiligen Golgari unterwirft sich bedingungslos dem heiligen
Ritus und dem Worte des Raben von Punin. Er befolgt die Gebote und Riten
von Punin ohne Zweifel und im wahrhaftigen Glauben an ihre Unanfechtbarkeit.
Jedes Ordensmitglied unterstellt sich der Oberhoheit des Tempels zu Punin.(…)
Das Wappen des Ordens aber sei nunmehr das gebrochene Rad von einem Schwingenpaar
gekrönt, in borongefälligen schwarz. Die Farben des Ordens aber
mögen das borongefällige Schwarz und das Weiss der Aufrechten
sein (…)“
Das Wappen des Ordens machte verschiedenste Wandlungen
durch, bis Ende 29 Hal die Grossmeisterin Borondria die obengenannte Variante
als einzig richtige festlegte.
Kanon
II
„Der wahre und einzige Glaube und Ritus des Borons, dem der Orden
des Heiligen Golgari dient und den er verehrt, ist der Puniner Weg. Der
Weg des Al`Anfaner Ritus sei verdammt und geächtet unter den Ordensbrüdern.
Der Orden wird niemals hinnehmen, dass andere Riten und häretischen
Strömungen den reinen Kult des Boron beschmutzen und besudeln. Oberstes
Ziel des Ordens ist die Errettung des Heiligen Stabes des Vergessens aus
den Händen der Häretiker, die Tilgung aller Gotteslästerer
und der Feinde der Götter, die Rückeroberung der geschändeten
Länder und die Vernichtung der frevlerischen Mächte im Osten
(…)
Alle Zwölfgötter sind den Ordensmitgliedern
heilig und ihre Schändung muss er mit der gleichen Inbrunst vereiteln,
wie es seinem Glauben an Boron, dem Wächter des Jenseits, geziemt.
Doch ist es nicht seine Aufgabe, den Zwölfgötterglauben mit
der Waffe unter die Ungläubigen zu tragen, denn dies geziemt nur
dem Kulte der göttlichen Leuin. Sein ist die Wahrung der Rechten
und Heiligen Kirche des Herrn Borons, des Ritus zu Punin und die Ausmerzung
des schändlichen Treibens der falschen Kirchen und des frevlerischen
Treibens im Osten (…)“
In diesem Kanon werden die Ziele des Ordens festgehalten,
wobei die letzteren wahrscheinlich erst in jüngerer Zeit hinzugefügt
wurden. Ich bezweifle aber stark, dass dies alle Ziele des Ordens sind,
sondern vermute, dass es noch manch weitere gibt. Denn wenn es etwas gibt,
dass dieser Orden im Übermass besitzt, dann sind dies Geheimnisse.
In einem alten Buch in der Gelehrsamen Stube stiess ich auf den Ausdruck
„Der grosse Traum“, den eigentlichen und geheimen Ziel des
Ordens. Was dieser „grosse Traum“ aber genau ist, weiss ich
leider nicht.
Kanon III
„Jeder Ordensbruder, sei es Ritter,
Knappe oder Knecht möge gottgefällig leben und die Lehren des
Ordens verbreiten in Wort und Tat. Der Orden möge die weltliche Hand
des Ritus sein und die geistliche Kraft des Glaubens stützen und
bewahren vor den häretischen, unheiligen und verdammenswerten Schergen
der falschen, ketzerischen und unheiligen Kirchen. Der Orden steht im
Weltlichen wo die Priesterschaft im Geistlichen steht, er hütet die
Reliquien und Stätten des Glaubens und ficht mit Schwert und Schild
gegen das Unheilige, die Häresie und den Unglauben. (…)“
Tatsächlich wurde erst in jüngerer
Zeit festgehalten, dass jedes Ordensmitglied den Umgang mit dem Rabenschnabel
zu erlernen hat. Nichtsdestotrotz ist das klassische, schmucklose Langschwert
unter den Rittern Golgaris weiterhin sehr beliebt und wird nebst dem Rabenschnabel
geführt.
Kanon
IV
„Es kann nur Aufnahme in den Orden des Heiligen Golgari finden,
wer sich offen zu seinem Glauben bekennt, auch unter Ungläubigen
und unter Gefahr von Leib und Leben. Niemals darf ein Ordensmitglied seine
Lehre leugnen, die wahrhaftig und die Einzige ist. Allein der Rabe von
Punin und der allmächtige Wächter des Jenseits, der durch jenen
spricht und handelt, kann durch sein Wort die Sünde und die Verfehlung
der Verleugnung vergeben. Jedoch sei jeder verdammt und als ehrlos ausgestossen,
der sich verleugnet ohne höhere Weisung und/oder göttliche Fügung
(…)“
Inwieweit hier die Bezeichnung „verdammt“
gebraucht wird, ist schwer zu durchschauen, ich bezweifle aber, dass jeder,
der den Orden verrät auf die gleiche Stufe gesetzt wird, wie diejenigen
Frevler, die mit den Mächten der Heptasphäre paktieren.
Kanon
V
„Es kann nur Ordensritter werden, wer die Knappenzeit (welche von
Person zu Person unterschiedlich sein soll, maximal aber 5 Jahre lang,
denn dies ist des Herrn heilige Zahl) beendet hat und von seinem Mentoren
und Lehrmeister als würdig erachtet wurde, wer aus edlem Hause stammt
oder sich durch aussergewöhnliche Taten für den Orden, die Puniner
Kirche oder den göttlichen Raben verdient gemacht hat, wer Busse
getan und Heiligtümer besucht hat, welche zu Punin bewahrt werden.
Dabei möge er die Pilgerfahrt in gottgefälliger Weise verrichten
und in Stille einkehren in die Heiligen Hallen.
Den Ritterschlag aber erhalte er am 5. Boron zu
Garrensand von seinem Lehrmeister in Anwesenheit des Grossmeisters
Die Tracht des Ordens ist für den Ritter Golgaris
der weisse Wappenrock, den Jahreszeiten anzupassen, mit dem schwarzen
Ordenswappen über der Brust, darunter die schwarze Rüstung.
Das Zeichen seines Standes aber sei der Weisse Mantel, der an der linken
Seite über dem Herzen eine kleinere Variante des Ordenswappens draufgestickt
haben möge. Diesen Mantel hat sich der angehende Ritter aber selbst
zu sticken während seiner Zeit in der „Kammer“ und erst
wenn er ihn beendet hat und er von seinem Oberen anerkannt wird, möge
er den Ritterschlag erhalten. Den Mantel tragen er nur bei wichtigen Anlässen
(…)
Er besitze auch das Recht, den Weissen Schild mit
dem Ordenswappen drauf zu tragen. Die Waffen des Ritters möge er
selbst wählen, allein den Rabenschnabel hat er stets bei sich zu
führen und beachte entschieden die Heiligkeit der gewählten
Waffe und verdamme Gift, Tinkturen und Zauberei, denn das Leben darf nur
durch seine eigene Hand, die der allmächtige Herr des Jenseits lenkt,
nehmen und schenken und niemand einen unehrenhaften Tod zufügen,
denn es soll ein gerechter, gottgewollter sein.
Sein Status innerhalb der Puniner Kirche sei aber
diejenige eines „Boronkriegers“, ihm gebühre die Anrede
„Ew.Ehren“. Ihm stehen nunmehr sämtliche Ämter und
Würden des Ordens offen, ausgenommen diejenigen des „Schwingenträger“,
so der Ritter kein Diener oder Deuter Golgaris sei. Seinen Besitz hat
er selbst zu stellen und zu unterhalten, ein Pferd sei ihm gewährt.
(…)
Er besitzt das Vorrecht, einen Knappen auszubilden
und zu gegebener Zeit in Anwesenheit des Grossmeisters in den Ritterstand
zu erheben. Ausserdem sei er nunmehr ein Mitglied des Konsistoriums, wo
er bemäntelt zu erscheinen hat (…).
Die eintretenden Diener und Deuter Golgaris aber
haben die Wahl sich dem Mönchsorden der Zorkabiner anzuschliessen
oder wie die anderen Mitglieder dem kriegerischen Arm anzuschliessen.
Wenn sie ersteres wählen, obliegt ihr weiterer Weg dem Abtkomturen
der Zorkabiner. Wenn sie sich für den zweiten Weg entschliessen,
haben sie ein Noviziat zu absolvieren, dass von Person zu Person, den
Fähigkeiten nach, unterschiedlich ist, maximal aber 5 Jahre dauert,
denn dies ist des Herrn heilige Zahl. Nach ihrer Ausbildung werden sie
zum 5. Boron hin zu Garrensand, in Anwesenheit des Grossmeisterin von
dem Legaten des Rabens von Punin in den Knappenstand aufgenommen, wo sie
dem weiteren, normalen Knappenweg zu absolvieren haben, an dessen Ende
die Erhebung in den Ritterstand steht. Den Dienern und Deutern Golgaris
unter den Rittern ist es vorbehalten, das Amt der Schwingenträgers
und des „Bewahrer Rethons“ inne zu halten. Ansonsten stehen
sie mit ihren Brüdern und Schwestern gleich in allen belangen (…)“
In diesem 5. Kanon werden zum ersten Mal die
wichtigsten Mitglieder des Ordens beschrieben, die Ritter Golgaris. Erwähnenswert
ist besonders die Tatsache, dass nur Adlige dem Ritterstand angehören
können, sowie Geweihte des Herrn Borons. Alle Ritter haben es scheinbar
aber gemein, dass sie innerhalb der Puniner Kirche den Status geniessen,
wie es die Consortis in unserer Kirche tun. Dass der Orden ausdrücklich
Giftgebraucht verurteilt, ist löblich. Dass er aber auch die Alchimie
und die Zauberei verbietet ist zwar weniger schön, doch wahrscheinlich
notwendig, obwohl die Boronkirche bisher noch nie Anstalten gemacht hat,
sich ähnlich wie die Kirche des Götterfürsten aufzuführen.
Inwieweit diese Magieablehnung also geht, ist ungewiss.
Der Kanon trägt deutlich die Züge der
Neustrukturierung des Ordens, die damals unter Lucardus begann und von
Borondria beendet wurde. Die Verhältnisse zum Adel bzw. zu den Geweihten
Mitgliedern im Orden wird klar geregelt, obwohl es einige Textstellen
gab, wo ich doch viel drum gegen hätte, das Original der „Lex
Boronia“ in den Händen zu halten.
Die Tatsache, dass der weisse Ordensmantel das
eigentliche Standeszeichen der Ritter ist, erinnert doch stark an die
Tradition der Thorwaler und ihrer Swafnirpriester, die einen Kriegsmantel
mit ähnlichen Funktion kennen. Oder wie in der „Lex Boronia“
festgehalten wird:


„(…) Der Weisse Mantel ist das Symbol
der Reinheit und der Gnade Marbos; denn wie Boron der Herr des Vergessens
ist, so sei alles Üble und Schlechte vergessen, wenn der Ritter dem
Orden vollends beitritt (…)“
Darum also tragen die Ritter Golgaris zum Zeichen
der Reinheit den Mantel, bevor er den Segen der Kirche empfängt.
Es stehen schwere Strafen auf das unberechtigte Tragen des Weissen Mantels.
Natürlich kann der Orden nicht das Tragen eines allein weissen Mantels
seinen Rittern vorbehalten; es ist darum mehr der Weisse Mantel, mit dem
Symbol des Ordens bestickt gemeint. Ist das unberechtigte Tragen des Mantels
unter Strafe gestellt, so stellt der Entzug dieses Privilegs selbst eine
Strafe für den Ritter dar. Ein Ritter ohne Mantel ist soweit im Range
einem Knecht gleich und verliert ebenfalls sämtliche Ämter,
die er ggf. innehat, bis er die Erlaubnis erhält, ihn wieder anzulegen.
Ein weiteres deutliche Zeichen dafür, dass
der Orden seine Ursprünge im Adel zu suchen hat, ist diese Herstellung
des Mantels in der „Kammer“, die stark derjenigen Praktik
ähnelt, wie sie die Kirche des Götterfürsten anwendet bei
seinen Novizen.
Zu dieser „Kammer“ konnte ich folgende
Aussage aufschnappen:
"Gestern haben sie den (…) in die "Kammer"
gesteckt. Nach zwei Stunden haben sie ihn aber wieder rausgeholt, den
Weichling. Er hat geschriehen und getobt, bloß weil's da drin ein
wenig stille ist. Aber die paar Stunden sind doch ein Klacks, der soll
ja nicht meinen, er wär schlimm dran. Bei mir haben sie letztens
die Lampe mitgenommen. Da saß ich nun und konnt' nicht sehen noch
hören...."
Die Kammer ist ein Raum, der meist tief unter
der Erde angelegt fast völlig geräusch- und lichtlos ist. Eine
harte Prüfung, bei der der angehende Ritter völlig allein ist
mit sich und den Abgründen seiner Seele. Nebst dieser Zeit der völligen
Einkehr muss es der angehende Ritter schaffen, im Halbdunkel oder gar
in völliger Dunkelheit seinen Wappenmantel herzustellen.
Kanon VI
„Die Tracht des Ordens ist für
den Knappen ein grauer Wappenrock, den Jahreszeiten anzupassen, mit dem
Ordenswappen über der Brust. Darunter mag er Rüstzeug tragen,
nach Geschmack und Vermögen, ebenso ist es mit den Waffen hand zu
haben, wobei die gleichen Verbote gelten wie beim Ritter und auch der
Knappe muss im Umgang mit dem Rabenschnabel geübt sein. (…)
Der Knappe steht unter dem Ritter und ist diesem
zu Diensten, bis er selbst die Leite zum Ritter erhalten hat. Der Knappe
hat seinem Lehrmeister hörig zu sein und seinem Rat und seinen Taten
zu folgen. Jedweder Mann und Frau von adligem Geblüt tritt dem Orden
als Knappen bei, sowie die Diener und Deuter Golgaris, die ihr Noviziat
beendet haben und vom Legaten des Raben von Punin dazu auserkoren wurden.
So denn sein Ritter und Lehrmeister es sich leisten
kann oder der Knappe selber, reist er zu Pferd, ansonsten zu Fuss. (…)
Der Novize sei hiermit als neuen Rang des Ordens
des Heiligen Golgari hin, auf bestreben seiner Exzellenz, der Grossmeisterin
Borondria, geschaffen. Die Tracht des Ordens ist für den Knappen
schwarzes mit dem gebrochenen Rad in schwarz, welches weiss umrandet ist,
denn die Schwingen des Rabens muss er sich erst noch verdienen. Das Noviziat
dauere 5 Jahre lang, denn es ist des Herrn seine heilige Zahl. Nach Abschluss
des Noviziats diene er einem Ritter als Knappen, bis er selbst die Leite
zum Ritter erhält, unabhängig seines Standes.
Als Novizen werden alle Kinder zwischen dem 10
und 15 Götterlauf angenommen, unabhängig ihres Standes, auf
Weisungen der Grossmeisterin oder des Legaten des Rabens von Punin hin
(…)“
Hier sieht man auch wieder, dass die Golgariten
wohl in erster Linie boronverehrender Ritterbund sind, denn es gibt nebst
dem Ritter natürlich auch den Knappenstand. Es bleibt mir aber schleierhaft,
wie der Rabe von Punin sein Einverständnis, ja seine Unterstützung
dem Orden geben konnte, wo dieser doch entgegen dem Puniner Ritus sehr
wohl den Standesunterschied kennt, ja fördert.
Der Rang des Novizen taucht tatsächlich
erst nach der Schlacht an der Trollpforte auf, scheinbar eine Massnahme,
die Verluste des Ordens wieder wettzumachen. Doch kann es nicht allein
dieses Selbstnützliche Ziel sein. Denn es wird ausdrücklich
festgehalten, dass nur Kinder in einem gewissen Alter und auf Weisungen
der Ordensoberen hin als Novizenaufgenommen werden können. Es wurde
ja schon mehrmals aus den Grenzgebieten berichtet, dass eine Schar Golgariten
Kleinkinder mit apathischem Blick aus den Schwarzen Landen geführt
haben, die seither aber wie vom Erboden verschluckt blieben. Auch in Garrensand
bin ich auf keine Novizen gestossen, so dass ich annehmen muss, dass die
Novizenausbildung in einem anderen Kloster stattfindet.
Kanon VII
„Die Tracht des Ordens ist für
den Knecht ein schwarzer Wappenrock mit dem Ordenswappen über der
Brust, weiss umrandet. Sein Rüstzeug, das er darunter trägt,
steht im frei, sowie seine Bewaffnung, je nach Fähigkeiten und Vermögen.
Der Knecht steht im Orden unterhalb des Knappen, der ihm Weisungen erteilen
kann, ausgenommen seien die Knechte, die einen grauen Mantel tragen.
Jedweder Mann und Frau, die dem Orden betritt und
nicht von edlem Geblüte ist und/oder kein Priester des Herrn Boron,
wird diesem Stand zugeordnet. Der Knecht hat eigentlich keine Möglichkeit,
weiter in den Rängen oder Ämter des Ordens aufzusteigen, ausgenommen
er würde sich durch besondere Taten für den Orden, die Puniner
Kirche und/oder des göttlichen Raben selbst verdient machen. Dann
möge er selbst in den Rang eines Knappen erhoben werden und den weiteren
Weg des Knappen verfolgen.
Männer und Frauen aber, die dem Orden mit
einem Kriegerbrief oder ähnlichem beitreten und nicht vom Stande
und/oder geweiht sind, werden ebenfalls in den Reigen der Knechte aufgenommen,
besitzen aber das Recht, einen grauen Mantel zu tragen, was sie von den
restlichen Knechten unterscheidet. Sie sind nur den Rittern hörig
und auf gleicher Stufe anzusiedeln wie die Knappen. Ihnen obliegt die
Ausbildung und die Führung der restlichen Knechte. (…)“
Die Knechte sind wohl das „Fussvolk“
des Ordens, obwohl sich dieser eigentlich darauf ausrichtet, eine grösstmögliche
Anzahl an Ritter in seinen Reihen zu wissen, ohne aber ihren Standesdünkel
zu vergessen. So ist der Knecht mit dem grauen Mantel wohl eine „Neuschaffung“
der Grossmeisterin Borondrias auf Druck der zahlreichen Nichtadligen Mitgliedern
in den Reihen der Golgariten, die auf die Gebote und Tugenden der Puniner
Kirche pochen und wohl allesamt eine besondere kriegerische Ausbildung
genossen haben. Nichtsdestotrotz ist der Stand der Knechte mit dem grauen
Mantel eher selten anzutreffen, doch werden sie zusammen mit den Knappen
Golgaris gerne vom Volksmund „Graumäntler“ gerufen.
Kanon VIII
„Der Freitod ist dem Ordensmitglied
verboten und ewig sei der verdammt, der ohne göttliche Fügung
und durch eigne Hand dem Herrn des Jenseits gegenübertritt. Kein
Ordensmitglied darf den freien oder gewaltsamen rituellen Tod dulden,
der an Gläubigen verübt und vollzogen wird. Die Folter ist dem
Orden verdammenswürdig und nicht erlaubt, denn sie hindert das Eingehen
der Seele der Gläubigen in die Hallen Borons durch ihr unseliges
Tun. Die Dämonen des Schmerzes nähren sich an der Qual, die
solchem Tode eigen ist und dies gegen den Willen des Allmächtigen.
Der einzige Tod, dem sich das Ordensmitglied verschreiben darf, ist der
Tod im Dienste an Boron. Jedes Ordensmitglied muss ein anderes vor Folter
und unheiligem Tode schützen durch eigene Hand und nach Willen des
Jenseitsbewahrers. Der Freitod durch eigene Hand hingegen sei verdammt
als Häresie und nicht geduldet (…)“
Der Tod als höchstes Ziel der Ritterschaft?
Dies wage ich ebenso wie mein Collega zu bezweifeln. Denn wäre ein
Ritter, der den Tod wahrlich herbeisehnt, nicht unbrauchbar für den
Orden, immerhin würde er sich bei der erst besten Gelegenheit in
die gegnerische Klinge stürzen. Für todesmütige Kämpfe
ist wohl auch weiterhin eher der Bund der Schwerter verantwortlich. Nein,
die Golgariten haben ein höchst interessantes, ebenso schleierhaftes
Verhältnis zum Tod. Denn sie beanspruchen nicht umsonst als einzigen
Orden den Titel als „ewigen Orden“. Ein Golgarit scheidet
nicht aus ihrer Gemeinschaft, nein, in ihrem Verständis erhält
jedes gefallene Mitglied die zweite Weihe durch den Herrn persönlich
und tritt in den Inneren Kreis des Ordens. Innerhalb des Ordens ist man
fest davon überzeugt, dass jener geheimnisvolle 12te Reiter in jeder
Schwinge ein Mitglied dieses Inneren Kreises sei. Auch wenn ich es noch
nicht ganz geschafft habe, das Geheimnis um das Verhältnis zum Tod
der Golgariten zu lüften, habe ich doch so meine Thesen. Ich glaube
nämlich, dass die Golgariten eher Todesergeben sind. Ein jeder weiss,
dass er eine Aufgabe auf dieser unserem Dererund hat. Niemand darf sich
anmassen selbst zu entscheiden, wenn er denn von dieser Aufgabe entbunden
wird, dies steht allein dem Herrn des Jenseits zu. So wird ein jedes im
Kampfe gefallene Mitglied nicht betrauert, sondern gelobt, da es zu ihrem
Herrn gerufen wurde und die Ehre erhielt, in den Inneren Kreis aufzusteigen.
Mein Collega Sunderglast hatte damals schon bemerkt,
dass die Ordensmitglieder scheinbar ehern daran festhalten, was übrigens
überaus löblich ist, jede Seele vor den Martern der Heptsphärigen
zu schützen. Leider wusste er damals noch nicht, worauf sich dies
bezieht, wohingegen wir, blicken wir auch nur einen Augenblick in den
Osten, gen Warunk, wissen, warum.
Kanon
IX
„Das seelenlose Untote muss verfolgt und vernichtet werden, denn
es lebt durch Häresie und unheiliges Tun von Sterblichen, die sich
anmassen, das Leben geben zu können, wo der Wächter des jenseits
bereits den Schiedsspruch gefällt hat. Der Orden verfolgt aber auch
die, welche sich dieser Frevelei schuldig machen und führt ihre Seelen
in die Obhut des Herrn des Jenseits, wo er über sie richten möge.
Die Magie, welche sich mit nekromantischen Praktiken befasst, sei verdammt
und geächtet. Die Unzucht mit Toten und der Frevel an Leichen, der
Raub und Handel mit solcherlei Dingen ist Häresie und wird schwerstens
bestraft. Wer dem Gläubigen die letzte Ruhe hindert, seiner Seele
Qual verschafft durch Fluch oder Hexerei oder die Stätten der Toten
heimsucht, ist ein Häretiker und wird als solcher bestraft (…)“
Kanon X
„Der Ordensbruder und die Ordensschwester
führt ein Leben wie es ihm gefällt, doch nach den Regeln des
Ordens. Er mag sich allen weltlichen Dingen hingeben, so denn sie ehrbar,
ruhmvoll und den Göttern zu Wohlgefallen gereichen. Er entsagt sich
jederlei Art von unheiliger Zauberei, der Nekromantie und Geisterbeschwörung.
Er verweigert niemals dem Orden die Gefolgschaft und ist stets bereit
für seinen Glauben zu kämpfen. Neben dem Herrn des Jenseits
soll er die anderen Götter unter den Zwölfen ehren und achten,
denn sie stehen gemeinsam gegen die Ungläubigen und Frevler. Der
Orden hütet die Heiligen Stätten mit Schwert und Schild und
steht für die Hochachtung der Geistlichkeit mit seinem Leben ein
(…)“
Es mag für einen Orden des Puniner Ritus
vielleicht komisch erscheinen, dass er nicht von seinen Mitgliedern eine
vollständige Askese verlangt, auch wenn diese natürlich gewünscht
oder zumindest gern gesehen ist. Und doch, ein Edelmann wird niemals seine
weltlichen Besitztümer, Ämter und Titel aufgeben müssen,
sofern sie den oben genannten Kriterien entsprechen, wenn er dem Orden
beitritt. Prominentestes Beispiel dafür ist wohl der Landgraf der
Trollzacken, Gernot von Mersingen, der sowohl ein hohes weltliches Amt
innehält, als auch zu den Ordensmarschällen des Ordens zählt.
Die Zukunft wird wohl erst zeigen, ob diese Formel wirklich aufgehen wird,
für welche mal wieder die Adligen Ordensgründer verantwortlich
sein dürften.
Kanon XI
„Der Ordensbruder und die Ordensschwester
wird unehrenhaft aus dem Orden verstossen, wenn er die Regeln desselben
verletzt oder durch den Schiedsspruch des Raben von Punin oder des Grossmeisters
dazu verdammt wird. Dies bedeutet den Bann. Der natürliche, gottgefügt
Oder im Dienste an Boron ereilte Tod bedeutet kein Ausscheiden aus dem
Orden, da er die höchste Vollendung des Glaubens und das Ende des
derischen Dienstes an Boron verkörpert. Dem Ordensmitglied sei eine
Bestattungszeremonie gewährt und ein Ruheplatz für die sterblichen
Überreste an heiliger und geweihter Stätte zu Boronia oder Punin.
Sein Andenken wird in den Annalen des Ordens bis zum Tage des letzten
Gerichtes bewahrt und gehütet. Der Orden unterhält besondere
Stätten, die dem Glauben geweiht sind und von den Ordensmitgliedern
gehütet und gepflegt werden (…)“
Ob mit den „besonderen Stätten“
die beiden Grabstätten des Ordens (übrigens ist der Golgaritenorden
der erste und einzige Orden, der eigene Grabstätten für sich
beansprucht) gemeint sind oder ganz andere, vor den Augen der Öffentlichkeit
verborgene, weiss ich leider nicht zu sagen.
Ja, lieber Leser, auch mich hat es erstaunt,
dass die "Lex Boronia", das heilige Ordensbuch mit dem 11. und
nicht mit einem 12. Kanon endet. Allein, in meiner Fassung des Buches
war die letzte Seite ein einzelnes schwarzes, unbeschriebenes Blatt. Ein
Zeichen dafür, dass der 12. Kanon so geheim ist und dort vielleicht
der wahre Orden beschrieben wird? Ein Zeichen dafür, dass unsere
Zukunft im Dunkeln liegt? Denn auch die erste Seite der Ordensschrift
ist ein einzelnes schwarzes, unbeschriebenes Blatt. Als ob man damit verdeutlichen
möchte, dass der Herr Boron uns unsere Vergangenheit vergessen lässt.
Doch was für eine Vergangenheit mag der Orden und seine Mitglieder
haben, dass sie denn in Vergessenheit geraten lassen müssten?
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