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Knappe Marbon
Bruder Marbon, Knappe vom Orden des
Heiligen Golgari
Als Lanvolo Furlani, ein junger Gaukler, der sich seinen Lebensunterhalt
mit Karten Legen verdiente, am 24. Travia des Jahres 11 Hal – es war ein
warmer Wassertag im frühen Herbst - von Punin aus gen Efferd zog, hörte er
während einer kleinen Marschpause plötzlich ein leises Rascheln in den
Büschen am Ufer des Yaquir
Er fand einen kleinen Jungen, weinend, zitternd, mit blau angelaufenen
Lippen, der vielleicht einen Sommer zählen mochte und in dreckigen, nassen
Leinen steckte. Da Lanvolo sich von den Zahoris in Punin getrennt hatte
und so keine älteren Begleiter hatte, die er hätte um Rat fragen können,
hatte er den Jungen, der tiefschwarze Augen und auch schwarze Haare hatte,
in eine Decke gewickelt und gewärmt. Bald schlief der Kleine ein, und der
Gaukler legte ihm die Karten; das Ergebnis war erstaunlich eindeutig, und
so beschloss Lanvolo, den kleinen nach Punin in den Haupttempel der
Boronis zu bringen, dort würde man sich seiner annehmen. Er
erreichte das westliche Stadttor noch, bevor die Praiosscheibe vom Himmel
verschwunden war, durchquerte schnell das Theaterviertel und stand auf dem
Platz des Schweigens, als die letzten Sonnenstrahlen die Ornamente am
Tsatempel in den buntesten Farben erstrahlen ließen. Lanvolo stieg die
Treppen hinauf und dankte Tsa ausgiebig für das Leben des Kleinen. Danach
überquerte er den Platz abermals und betrat den riesigen schwarzen Tempel,
in dem auch schon bald ein offensichtlich geweihter Boroni auf ihn
aufmerksam wurde. Wortlos übernahm dieser das Kind, Lanvolo hinterließ
seinen Namen sowie ein paar Zeilen Text auf einem kleinen Zettel und
verschwand aus dem Leben des kleinen Jungen. "Ucuri
– Marbo – Marbo: Der Sieg über den Tod nach dem Tod. Die
Karten sprachen eine eindeutige Sprache, und so habe ich, Lanvolo Furlani,
Wahrsager, diesen kleinen Jungen, den ich fast erfroren am Ufer des Yaquirs
fand, in diesen Tempel des Herren Boron gebracht.
Mögen die Zwölfe dem kleinen Marbon gnädig sein.
Lanvolo Furlani"
"Wenn der Tod das Ende des Lebens bedeutet und zugleich den Anfang einer
neuen Bestimmung, die jedem Lebewesen zuteil wird, so sind Worte ohne
Nachhall, fallen aus den Mündern der Sterblichen und verdorren zum Humus der
Zeit."
Bruder Valpo, gütiger, aber strenger Diener Golgaris und seine Frau Elke
waren auch nach über 30 Götterläufen Traviabund noch nicht von Tsa beschenkt
worden, und so nahmen sie sich des Kleinen an. Marbon sollte sein Name also
sein, und sein Leben sollte er Boron schenken, denn Boron schenkte ihm das
seine, indem er ihn vor dem Tode verschonte. Der
Kleine merkte allerdings, dass die beiden wichtigsten Bezugspersonen in
seinem Leben, seine richtigen Eltern, fehlten, und so war er oft traurig und
weinte lange Zeit – und auch die gute Elke war nicht in der Lage, ihn zu
beruhigen. Allein Trine, eine freundliche Nachbarin und gute Freundin Elke,
die ihn stillte, und Elkes Harfenkünste konnten Marbon besänftigen und
seinen Schmerz stillen. Erst spät lernte der Kleine reden, dennoch musste
Valpo ihm schon sehr früh zu erklären versuchen, warum seine richtigen
Eltern so früh verschwunden waren, auch wenn ihm das niemals richtig gelang.
Im
Alter von 7 Jahren wurde Marbon dann bereits zu kleineren Botendiensten für
den Tempel eingesetzt, da er sich in Punin schon recht gut auskannte und
auch ein guter Läufer war. Auch lernte er, sich um die Blumen zu kümmern, zu
putzen und den Geweihten zur Hand zu gehen. In dieser Zeit befand er sich
sehr häufig im Tempel, genoss die Ruhe, und fing schon in diesem frühen
Alter an, die Nähe zu Boron zu fühlen. In dieser Zeit stieg in ihm das
Vertrauen zu dem Herren des Todes an, selbstverständlich auch durch die
Erziehung des Geweihten. Dennoch fragte er sich immer wieder, wieso er so
allein sein musste, wieso unbedingt seine Eltern hatten gehen müssen (er
ging davon aus, dass sie tot waren), und auch Valpo war immer noch nicht in
der Lage, dem Jungen eine zufriedenstellende Antwort zu geben.
Er wuchs wohl
behütet auf und verehrte Valpo für seine Ruhe und Elke für ihre Geduld.
Dennoch war sein Ziehvater sehr streng, und oft war er bereits zu Hause,
wenn andere Kinder noch auf der Straße spielten. Auch aus diesem Grunde
wurde aus dem Jungen ein absoluter Perfektionist – und Ästhet. Immer wollte
er Valpo zufrieden stellen, immer wollte er alles besser als andere machen,
sein Ehrgeiz kannte keine Grenzen, denn er wollte sich bei Boron für sein
"zweites Leben", wie Valpo es zu nennen pflegte, bedanken.
Auch
bekam er Privatunterricht, früh lernte Marbon also rechnen und schreiben.
Und selbst in den Wissensdisziplinen Geschichte, Götterkunde und Bosparano
wurde der Junge geschult. Mit
Vollendung seines zwölften Lebensjahres starb die gute Elke, nie wird er sie
vergessen ... wie sie am kleinen Fenster saß, mit ihren langen schweren
goldenen Zöpfen und der gutmütigen tiefen Stimme, und ihn tröstete, wenn
Valpo mal wieder geschimpft hatte. Den Boroni traf der Tod seiner Frau
schlimmer, als Marbon erwartet hatte, und sobald der Junge initiiert worden
war, machten die beiden sich mit ein paar weiteren Akoluthen und Geweihten
gen Firun auf, da im Kosch ein neuer Orden gegründet worden war. Am Tage
seiner Initiation verstand Marbon dann auch zum ersten mal, wieso seine
Eltern hatten gehen müssen: Boron nahm sie, und schenkte ihm dafür sein
Leben. Er lehrte ihn die Bedeutung des Todes – und damit gleichzeitig die
des Lebens. Seine Bestimmung war damit klar... Die
Reise zu der Ordensburg war die erste größere Reise, die Marbon unternahm,
und nach fast zwei Wochen kam der Tross an einem hohen kargen Felsen an, auf
dem eine Burg thronte: Kloster Garrensand, Sitz des Ordens des Heiligen
Golgari.
Fasziniert war der Kleine von all den Kriegern, in ihren schwarzen Rüstungen und
weissen Mänteln –
fasziniert war er von dem Schweigen und der Disziplin, die sie an den Tag
legten, fasziniert war er von der Mythos, der die Ordenskrieger umgab. Er
erlernte sehr schnell das Reiten, denn Boten wurden gebraucht, und Bruder Valpo fing an, die Krieger in geistigen Angelegenheiten zu unterweisen. Oft
war Marbon dabei und hörte zu, oft stand er am offenen Fenster und
beobachtete sie bei
den täglichen Waffenübungen.
Es kam der Winter 25
Hal, und am ersten Boron, lange bevor die Sonne aufging, kam Valpo in das
kleine Zimmer: "Es ist soweit, heute kannst du deine Ausbildung beginnen."
Schon wenige Stunden später rezitierte Marbon, der mittlerweile zu
stattlicher Größe herangewachsen war und durch seine vielen Ritte auch
kräftig und gesund, mit über 15 anderen das, was ein geweihter Golgarit
ihnen vorsprach (zuvor hatten sie einzeln bei einem Priester vortreten,
einige Fragen beantworten sowie einen Schwur leisten müssen): "Im
geheiligten Namen des Herren Boron, im geheiligten Namen Golgaris, im
geheiligten Namen Marbos, im geheiligten Namen Etilias: Möge der
Unergründliche über meinen Schlaf, mein Vergessen und meinen Tod wachen und
richten. Möge er mir Kraft geben, seinen Widersachern entgegenzutreten. Möge
Golgari mich finden, wo auch immer ich bin, und Marbo mich in Gnade
aufnehmen. Möge Bishdariel meine Träume hüten und mir Weisheit schenken, und
möge Uthars Pfeil meine Feinde fällen."
Hiermit begann seine Ausbildung im Orden,
er genoss die zweimal wöchentlich abgehaltene Waffenstunde und beneidete die
Knappen und Ritter um ihre Kampffertigkeiten. Oft übte er heimlich mit
seinem kleinen Holzschwert in seinem Zimmer, und nach einem halben Jahr
schon dann stellten sich große Erfolge ein – und er durfte mit den Knappen
trainieren, die täglich an den Waffen geschult wurden. Nach
Beendigung seines einjährigen Initiates legte er dann endlich das Gewand des
Ordensknechts
zum ersten Mal an, und begann abermals, Botenritte, speziell nach Punin
zu tätigen. Er
wurde dem Ritter Adalbert unterstellt, einem Adligem, der sehr streng zu ihm
war. Vorher Baron im Bornland, hatte er einen Vogt seine Länder verwalten
lassen, bis sein ältester Sohn alt genug wäre, seinen Titel zu übernehmen –
er hatte also auf weltlichen Reichtum verzichtet, und sein Leben in den
Dienst Borons gestellt. Das
konnte Marbon zu dieser Zeit nicht verstehen, und lange plagten ihn Zweifel
ob seiner Bestimmung. Doch nachdem sich nach 6 Monden herausgestellt hatte,
dass er überaus gut mit dem Schwerte umzugehen verstand, und Ritter Adalbert
sich stolz gezeigt hatte, waren seine Zweifel wie verflogen. Auch offiziell
konnte Marbon nun an den Vorträgen Valpos teilnehmen, dem sein Alter nun
auch langsam zu schaffen machte, und nach 3 Götterläufen dann, in denen man
voller Bange die politischen Veränderungen wahrnahm und immer wieder Krieger
aussandte, die nicht zurückkehrten, wurde das Kloster fast komplett geräumt
man ritt gen Osten, an die Trollpforte, wo dem Schwarzmagier Borbarad ein
Heer gegenüber gestellt werden sollte.
Marbon hatte bis zu diesem Tag an noch keine wirklich praktische
Kampferfahrung sammeln können, aber da man jeden Mann und jede Frau brauchen
konnte, wurde auch der junge Knecht entsandt.
"Der Tod ist nicht geschaffen, ihn mit Jubel zu begrüßen. Doch ist das Leben
nicht geworden, es mit Lauten zu füllen, ohne Sinn und tieferes Besinnen."
Noch
einmal atmete er durch, noch einmal zog er seine geschwärzten
Kettenhandschuhe fest zu, noch einmal küsste er den schwarzen Karneol in
Form eines Rabens, der seinen Hals zierte – ein Geschenk Valpos, der zurück
nach Punin gefahren war, um dort zu beten – dann lief alles sehr schnell.
Geschrei - schon befand man sich hinter den gegnerischen Linien – Klirren
von Waffen und Surren von Pfeilen und Bolzen - schon waren die ersten auf
beiden Seiten gefallen - und plötzlich wurde Marbon sich überhaupt erst der
Gegner gewahr: Die meisten von ihnen war skelettierte, riesige, finstere,
oft gesichtslose Geschöpfe, aufs Unmöglichste verformt – Schmerz - und noch
während er diese Gedanken hatte, sauste ein schwerer und langer schwarzer
Säbel auf ihn herab und traf den zur Seite hechtenden an der linken Flanke.
Sein Gegner war über zwei Schritt hoch und wog bestimmt 150 Stein, was es
genau war konnte Marbon nicht ausmachen. Seine leichte Kettenrüstung, die
ihm Ritter Adalbert gestellt hatte, hatte diesen Hieb natürlich nicht
überstanden, und warmes Blut lief ihm über den Bauch. Er versuchte
aufzustehen, doch seine Kräfte ließen nach. Noch ein letztes mal hob er sein
Schwert, um einen mächtigen Hieb abzuwehren, doch dieses zerschmetterte
unter der Wucht des Schlages und ließ ihn zusammenbrechen – das letzte was
er fühlte war die Taubheit, die langsam seinen Arm hoch kroch und seinen
Oberkörper erfüllte. "Das Gebet aber soll still sein, so still wie der Herr es erhört, so mag es
vollzogen sein. Der Herr Boron erhört nicht die Stimme, er erhört die Stimme
der Seele."
Als
er aufwachte, war der Himmel so düster wie zuvor, doch Ruhe war eingekehrt.
Ein paar Gestalten liefen über die blutgetränkte Erde, und er wurde bald
gefunden. Zum Sprechen hatte er keine Kraft, doch er hatte es geschafft, er
hatte überlebt. Abermals umarmte ihn die Finsternis, und bei seinem nächsten
Erwachen befand er sich in einem kleinen provisorischen Lazarett, wo man
seine tiefe Wunde nähte und seine Hand verarztete, in der einige
Metallsplitter steckten.
Nicht viele seiner Ordensbrüder hatten überlebt, wie er erfuhr, und es
schien, als habe ihm Boron abermals das Leben geschenkt.
Voller Dank verbrachte er die nächsten Tage im Gebet, und sein Vertrauen auf
Boron hatte nun ein nie da gewesenes Maß erreicht – für ihn würde er alles
tun, für ihn würde er leben - und sterben.Die
Träume begannen von diesem Tage an – anfangs sehr häufig Albträume, wenige
Wochen später auch oft Gleichnisse. Nachdem er nach Garrensand zurückgekehrt
war, pflegte er einen ausführlichen Briefkontakt zu Valpo, der in Punin
geblieben war, und beendete seine Ausbildung als Ordensknappe.
"Der
Herr Boron ruft die Seinen nach dem Willen der Götter und nicht nach dem der
Sterblichen. Darum nehme den Tod gleichsam als Geschenk, als Kuss der
Erlösung. Wehe dem aber, der sich selbst ihn zum Geschenke machet, der soll
hinaufsteigen in die Sphären der Niederhöllen und dort seines Frevels Strafe
spüren. Denn bedenke, Vergessen schenkt einzig der Herr Boron und jenseits
des Herrn Boron ist ewiges Leid ohne Ende." Auch
seine Dienste nach der dritten Dämonenschlacht waren hauptsächlich
Botenritte, allerdings überbrachte er von nun an auch wichtigere Dokumente
und auch ein paar Reliquien, meistens zwischen Puniner Tempel und Kloster
Garrensand. Auch Kampferfahrung sammelte er, da er oft für das Gute eintrat
und so manchem Gesetzlosen in den Weg trat. In
einer Nacht, der Sommer im Jahre 30 Hal hatte gerade Einzug gehalten, stand
er gerüstet und bewaffnet vor den Toren Garrensands. Die Nachtwachen liessen
ihn ohne Zögern ziehen. Er nahm sich ein Pferd, und ritt über 4 Stunden lang
Richtung Rahja, bis er im Dorfe Lindenzwinge ankam – und sah auch schon von
weitem Fackelschein auf dem Boronsanger. Er
schwang sich von seinem Pferd und zog seinen Anderthalbhänder, und schon
waren die ersten beiden Grabräuber gefallen. Zwei weitere verletzte er sehr
schwer, und den Fliehenden ritt er mit seinem Pferd nieder – auch dieser
überlebte.
Alles zusammen hatte keine Minute gedauert, doch war ihm diese Zeit wie eine
Ewigkeit vorgekommen. Er kniete nieder und gedachte im Gebet der
Vergänglichkeit allen Lebens, und schleppte sich mit letzter Kraft zum
kleinen Tempel des Herren, wo er Bericht erstattete. 3
Monde lang sollte er von diesem Tage an schweigen, und war in einer Zelle
eingesperrt, um über seine Verfehlungen nachzudenken. Und kurz vor dem 90.
Tage dann war es wieder Valpo, der ihm zur ersten Boronsstunde die Zellentür
öffnete und ihn auf den großen Platz führte, auf dem Marbon in den Stand des
Knappen erhoben wurde – mit Tränen in den Augen und voller Stolz nahm er den
grauen Wappenrock an...
"Denn siehe, am Ende seiner Tage wird der Herr Boron selbst, seiner Taten
gedenken, sie auf der Seelenwaage Rethon bemessen und die Würdigen aufnehmen
in das Himmelreich Alveran. Die aber, deren Glauben und Verdienst nicht das
Verderbte ihrer Seele aufwiegen, die werden eingehen in die Niederhöllen den
Dämonen zum Fraße oder umherirren zwischen Diesseits und Jenseits, als bis
die gütige Marbo ihres Vaters Gnade erfleht."
Die
Tugenden Genügsamkeit, Ehrlichkeit und Besonnenheit haben einen großen
Stellenwert in Marbons Leben eingenommen, auch wenn er sich manchmal doch
nicht ganz so in dem Maße beherrschen kann wie er das gerne würde.
Beobachtend und aufmerksam ist sein Blick, seine Sinne sind scharf. Er liebt
sein Leben, was er in den Dienst Borons gestellt hat, und würde jederzeit
für Boron sterben, wenn sein Opfer einen Sinn macht. Er achtet das Leben und
auch alle anderen elf Götter, und empfindet Dankbarkeit für jeden Moment
seines Lebens...
Text: Eiko Fried
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