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Novize Ramón Tiamartin

Bruder Ramón, Novize vom Orden des Heiligen Golgari

Ramón Tiamartin entstammt einer alteingesessenen Handelsfamilie, die einst zur Al’Anfanischen Noblezza gehörte. Diese hatte einen ansehnlichen Reichtum mit dem Import von Andergaster Steineiche, Festumer Tanne sowie Selemer Pech erworben. Rohmaterialien, die dringend für den Bau der Schiffsflotten Al’Anfas gebraucht werden und hohen Profit abwerfen.

Auf den Erfolg und raschen Aufstieg der Tiamartins aufmerksam wurde die Grandenfamilie Ulfhart, und sie streckte ihre gierige Hand nach dem Handelshaus aus. Plötzlich brachen Planken neu gebauter Schiffe unter kleinster Belastung und liefen voll, da das Pech die Zwischenräume nur mangelhaft abdichtete. Eine Schivone mit für den Hohen Rat der Zwölf bestimmten, teuren Rauschkräutern und edlen Sklaven sank nur eine Meile vor der Hafeneinfahrt bei rauer See. Die ganze Ladung ging verloren, nur ein Besatzungsmitglied schaffte es schwimmend an das rettende Ufer. Er berichtete, wie die Masten wie Strohhalme knickten und die Planken barsten.

Im allgemeinen Aufruhr erachteten es die Ulfharts als günstig, den von ihnen bestochenen Lagerchef der Tiamartins verschwinden zu lassen. Danach war es ihnen ein Leichtes, die Tiamartins derart im Hohen Rat der Zwölf anzuschwärzen, dass sie den noch verbliebenen Rückhalt bei den Granden verloren. Mit diesem perfekten Intrigenspiel erreichten die Ulfharts die Ächtung der Tiamartins, die keine Waren mehr an die Schiffsbauer verkaufen konnten, und die Ulfharts übernahmen nach deren Bankrott das Geschäft für ein paar lächerliche Dublonen.

Tief gekränkt und vergrämt zog sich der tief Borongläubige Tirato Tiamartin, der Grossvater von Ramón, auf die von den ehemaligen Besitztümern einzig übrig gebliebene Facienda zurück. Er haderte mit dem Schicksal und versank immer mehr in einer Scheinwelt, in der er nicht mehr zwischen Realität und Trugbild unterscheiden konnte. Dem Wahnsinn nahe vermeinte Tirato zu wissen, dass sich ihm ein Alveraniar Borons offenbarte. Er, Tirato, sei bestimmt, die wahre Lehre im Süden zu verbreiten.

Mit Geschick und Heimlichkeit verbreitete Tirato Boronglaube nach dem Puniner Ritus unter den Fanas Al’Anfas. An Zuhörern und  weiteren Verkündern fehlte es nicht, denn die Unzufriedenheit mit der Macht der Granden und der Kirche war gross. Ein enger Kreis von Vertrauten scharte sich um Tirato, die ihm manch geheime Informationen über die Granden und die Kirche andienten. Diese leitete Tirato getreulich an Punin weiter.

Ramón kam damit schon in seiner frühen Kindheit mit dem Puniner Ritus in Berührung. Eifrig lernte er aus alten Schriften, vernachlässigte aber seine körperliche Ertüchtigung nicht. Gross war denn auch die Hoffnung von Tirato, seinen Enkel eines Tages in die Rabengarde als Maulwurf einschleusen zu können.

Doch so weit sollte es nicht kommen. Eines Abends wurde Tirato wieder eine mächtige Vision gesandt. Er träumte von Verrat in den eigenen Reihen. Sofort liess er Ramón durch den Hausdiener wecken und schrieb eine letzte Depesche an den Vorsteher des Borontempels in Punin. Er drückte diese und einen Beutel voll Dublonen dem verdutzt dreinblickenden Ramón in die Hände und hiess ihn, keine Fragen zu stellen und sofort das Pferd zu besteigen. Ein letztes Mal nahm Tirato seinen Enkel in die Arme. Bereits im Morgengrauen erschienen die Häscher Dolgur Kugres, dem boronkirchlichen Grossinquisitor, doch sie fanden nichts mehr vor, ausser einer bis auf die Grundmauer niedergebrannten Facienda und einem verkohlten Leichnam, der nicht mehr zu identifizieren war.

Im Tempo eines Difars ritt der junge Ramón gegen Punin, seine Augen mit Tränen erfüllt. Er realisierte, dass er niemals mehr in seine Heimat zurückkehren könnte,  denn für den Verrat an der Al’Anfanischen Boron-Kirche gab es nur eine Strafe: den Tod. Noch mehr schmerzte ihn der Verlust seines geliebten Grossvaters, der ihn aufzog, nachdem sein Vater und seine Mutter sich hemmungslosen Vergnügungen hingaben und für seine Erziehung keine Zeit aufbrachten. Er war bis zum Mittag ohne Halt durchgeritten. Erst jetzt wagte Ramón, eine kurze Rast einzulegen und lenkte sein Pferd in ein Wäldchen hinein, um es ausruhen zu lassen. Nur noch wenige Meilen trennten ihn von Mirham.

Doch er war sich nicht sicher, ob die Häscher bereits auf seiner Fährte waren. Er beschloss, einen Bogen um Mirham zu machen und wendete sich vor der Stadt Richtung Strasse nach Chamir. Boron sei Dank, traf er vor Lafmih auf eine norbardische Händlergruppe, die ihn in ihre Gesellschaft aufnahm und bis nach Port Corrad begleitete. Es dauerte nochmals 30 Tage, bis Ramón endlich vor den Toren des Puniner Borontempels stand.

Ramón wurde mit knappen Worten geheissen, im Tempel ein Nachtlager aufzuschlagen, nachdem er die Depesche seines Grossvaters übergeben hatte. Am nächsten Morgen wurde Ramón in aller Frühe geweckt und einem Hochgeweihten vorgeführt.

„Junger Ramón. Dein Grossvater hat mich gebeten, Dir eine neue Heimat zu geben. Bist Du bereit, Dich einer harten, entbehrungsreichen Ausbildung zu unterziehen und ein wertvolles Mitglied der wahren Boronkirche zu werden?“ fragte ihn der Geweihte und blickte ihn mit strengen, grauen Augen an. „Ja. Ich möchte meinem Grossvater zur Ehre gereichen.“ antwortete Ramón mit belegter Stimme. „Nun denn, das wirst Du uns zuerst beweisen müssen. Wir senden Dich ins Kloster Krähenwacht. Du darfst gehen.“ Der Hochgeweihte wandte sich wieder seinen Papieren zu. Und so machte sich Ramón auf den Weg Richtung Brendiltal.

Zur Person:

Ramón Tiamartin hat alles verloren, was ein Mensch verlieren kann – ausser seinem tiefen Glauben an Boron. Im Kloster fühlt er sich sehr einsam, Heimwehgefühle nach dem warmen, lebensfrohen Süden kommen in ihm immer wieder hoch. Doch noch mehr als seine Heimat vermisst er seinen geliebten Grossvater. In seinem Gedenken trägt Ramón die schwere Last des Noviziats im Kloster Krähenwacht auf seinen schmalen Schultern ohne zu Murren.

Ramón ist ein Jüngling von 14 Götterläufen. Nur 85 Finger misst und etwas mehr als 60 Stein wiegt er. Er besitzt ein gefälliges Gesicht und seine braun gebrannte Haut verleiht ihm ein attraktives Äusseres. Ramón zeigt bei den Leibesertüchtigungen eine ihm, ob seines schmächtigen Wuchses, nicht zugetraute Körperkraft. Seine Bewegungen sind geschmeidig und auch mit Hiebwaffen weiss er schon recht ordentlich umzugehen. Ramón ist jedoch sehr scheu und still und vertraut sich niemanden im Kloster an. Oft sitzt er in seiner spärlichen Freizeit stundenlang auf der Klostermauer und steckt seine Nase in alte Schriften. Einzig mit einer kleinen, schwarzen Katze, die im Kloster Mäuse jagt, scheint er eine innige Beziehung aufgebaut zu haben. Wenn er sich unbeobachtet fühlt, spricht er mit ihr, und – wenn man es nicht besser wüsste – sie scheint ihm auch zu antworten.


 

Text: Simon Aeschlimann