Bruder
Tannfried, Knappe vom Orden des Heiligen Golgari
und Diener Golgaris
Wenn man ihm das erste Mal gegenübersteht, mögen die
auffälligsten Merkmale seine körperliche Größe und die kräftige Statue
sein, die man sonst eher nur von Holzfällern oder bewaffnetem Kriegsvolk
her kennt. Sein kurzgeschorenes weissblondes Haar, die stahlblauen Augen
und nicht zuletzt sein ländlich anmutender Akzent lassen dann auch gleich
die weidener Abstammung deutlich werden. Durch seine eher behäbige Art
strahlt er jedoch eine Ruhe aus, die den anfänglichen Eindruck des
kraftstrotzenden Hünen Lügen straft. Im Gespräch erweist er sich als
überraschend belesener - aber eher praktischer Denker. Von längeren
Diskussionen und unproduktivem Herumtheoretisieren hält er nur wenig. Er
zieht es vor in aller Ruhe über ein Problem nachzudenken und erst dann
seine Meinung darüber zu äußern. Wenn man ihn noch nicht so gut kennt,
kann man diese Zurückhaltung durchaus als Unwissen oder mangelndes
Selbstvertrauen fehlinterpretieren, wird aber nach einer gewissen Zeit
eines Besseren belehrt.
Sein Name, Tannfried von Wolfspfort,
mag auf den ersten Blick den Anschein erwecken, es handele sich um den
Abkömmling einer Adelsfamilie; es ist jedoch auf dem Weidener Lande Recht,
dass die freie Bevölkerung, also all jene, die nicht in Leibeigenschaft
stehen oder anderweitig unfrei sind, ein „von” zwischen dem Vor- und
Hauptnamen tragen und sich nach dem Dorf oder Weiler benennen, aus dem sie
stammen. In seinem Fall ist dies das Wehrdorf Wolfspfort, das an den
Ausläufern des Finsterkammes in der Markgrafschaft Heldentrutz gelegen
ist.
Geboren wurde Tannfried als drittes
Kind des Köhlers Waidhart und dessen Frau Gunelde, die, wie auch andere
Köhlerfamilien, einige Meilen außerhalb des eigentlichen Dorfes am Waldrand
in einer Hütte lebten. Seine Geschwister, der vier Götterläufe ältere
Jargold, die 2 Götterläufe ältere Algrid und seine nur wenige Augenblicke
jüngere Schwester Traute, sind bei einem Überfall der Schwarzpelze auf das
Dorf gemeinsam mit den Eltern ums Leben gebracht oder geraubt worden.
Tannfried selbst, zu diesem Zeitpunkt ein Knabe von gerade einmal sechs
Götterläufen, entkam nur durch großes Glück dem mordenden und raubenden
Orkhaufen: Gejagt von den blutrünstigen Hunden seiner Häscher, rannte er um
sein Leben und rettete sich schließlich auf den kleinen Boronanger
Wolfspforts, der knapp außerhalb der schützenden Palisade des Dorfes gelegen
ist. Dort verloren die Hunde anscheinend seine Fährte, während die
Schwarzpelze lieber weiter von den Lebenden raubten.
Der Junge versteckte sich hinter einem steinernen Grabmal und wäre wohl auch
vor Hunger und Kälte ums Leben gekommen, immerhin ereignete sich dieser Vorfall im Phexmond, im weidener Landstrich eine wirklich bitterkalte Zeit, wenn er
dort nicht zwei Tage später, zitternd in seinem Versteck hockend, von
Ailgrimm von Weissenbrück, einem reisenden Borongeweihten gefunden worden
wäre. Der Geweihte bereiste im Auftrag des „Tempels des Todes und der Wacht
auf dem Anger zu Trallop” die vielen kleineren Boronanger des westlichen
Weidens, die über keinen eigenen Geweihten verfügten - und nach dem Überfall
der Orks gab es auf den Grabfeldern der Markgrafschaft reichlich für ihn und
seine Glaubensbrüder zu tun, zumal der Boden zu dieser Jahreszeit immer noch
gefroren war. Der Blutzoll, den die Schwarzpelze gefordert hatten, war
gerade unter den Holzfällern und Köhlern, die ihre Hütten fast immer
außerhalb der schützenden Palisade der Wehrdörfer hatten, sehr hoch.
Da auch die Ernte in diesem
Götterlauf schon sehr mager ausgefallen war, was anscheinend auch die Orks
zu ihrem Raubzug getrieben hatte, und keine der überlebenden Familien
Wolfspforts es sich guten Gewissens hätte leisten können, ein weiteres
hungriges Mäulchen zu stopfen, entschied sich Bruder Ailgrimm, den Knaben
unter seine - und somit auch unter die Obhut der Kirche Borons zu nehmen und
nahm ihn mit nach Trallop. Er mühte sich redlich, Tannfried den Vater zu
ersetzen und ihm eine den Zwölfen gefällige Erziehung angedeihen zu lassen,
wäre jedoch wahrscheinlich ohne die tatkräftige Unterstützung der
Traviageweihtenschaft des „Hauses der demütigen und seelenreinen
Bettelschwestern und Brüder des Heiligen Badilak von Mendena”, welches sich,
den Zwölfen sei Dank, nur wenige Fußminuten vom Tralloper Borontempel
entfernt befindet, an dieser Aufgabe gescheitert. So gelang es ihm
schließlich, einen aufrechten und gewissenhaften Jungen Mann aus Tannfried
zu machen, der die Gebote der Zwölfe achtet und ihre Namen in Ehre hält.
Während er heranwuchs reifte in
Tannfried der Wunsch, so wie Bruder Ailgrimm, ein Diener des Herren zu
werden und sein Leben und Streben Boron zu widmen. So nahmen die Priester
ihn schließlich als Novizen auf und begannen damit, ihn in den heiligen
Lehren zu unterweisen. Tannfried erwies sich dabei als gelehriger Schüler.
Er war zwar nicht der schnellste, was seine Auffassungsgabe betraf, aber
wenn er erst einmal etwas verinnerlicht hatte, konnte er, egal zu welcher
Stunde und unter welchen Umständen, das Gelernte mit einer Sicherheit und
Selbstverständlichkeit wiedergeben, die die Geweihten davon überzeugte, ihm
den richtigen Weg gewiesen zu haben. Gerade was das Bosparano betrifft, so
tat er sich doch zu Beginn sehr schwer, speziell die tieferen Bedeutungen
grammatikalischer Phänomene wie beispielsweise des ablativus absolutus
schienen sich ihm einfach nicht erschliessen zu wollen. Manchmal, wenn
Ailgrimm, oder einer seiner Glaubensbrüder, Grund zur Beanstandung seines
Lernstandes hatten, ertappten sie Tannfried dabei, wie er die wenige Zeit,
die ihm außerhalb der Studien und Gebete zur Verfügung stand, heimlich in
der Bibliothek verbrachte, um wieder und wieder den entsprechenden Teil des
Lehrstoffes durchzuarbeiten, bis er ihn schließlich beherrschte. Dies führte
teilweise sogar soweit, dass sie ihn, unter Verweis auf die borongefällige
Nachtruhe, regelrecht aus dem Scriptorium aussperren mussten.
Nachdem er nun alles gelernt hatte,
was sie ihm beibringen konnten, begleitete er einen der Geweihten auf seiner
Pilgerfahrt nach Punin, zum Hauptsitz der Kirche, wo er zwei weitere Jahre
im Noviziat verbrachte und dieses dann auch zum Abschluss brachte.
Schließlich erhielt er die Weihe zum
Diener des Raben und wurde zurück nach Trallop geschickt, um von dort aus,
gemeinsam mit Ailgrimm und seinen Brüdern, die kleineren Boronsanger im
nördlichen Teil des Herzogtums Weidens zu betreuen.
Bruder Josold, der Leiter des Tempels
zu Trallop, erkannte mit der Zeit, dass Tannfried zwar mit ganzem Herzen den
Aufgaben eines reisenden Geweihten nachkam und seine Pflichten auch
gewissenhaft erfüllte, er sah jedoch auch, dass noch andere Begabungen in
dem jungen Mann zu schlummern schienen, die ihn möglicherweise zu anderen
Aufgaben innerhalb der Kirche des Herren berufen könnten. Er rief also
Bruder Ailgrimm zu sich, der dem Jungen quasi wie ein Vater geworden war,
und teilte ihm seinen Beschluss mit, Tannfried einem relativ jungen Orden
der Kirche, den Golgariten anzuempfehlen. Ailgrimm sah ein, dass Bruder
Josold mit seiner Einschätzung Tannfrieds wahrscheinlich recht hatte und
überzeugte seinen Schützling schliesslich davon, dem Orden beizutreten und
ein Streiter im Glauben des Herren zu werden.