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Knappe Utharion Winterbruch

Bruder Utharion, Knappe vom Orden des Heiligen Golgari und Diener Golgaris

Solange ich zurückdenken kann, habe ich die schwarze Wollrobe getragen, die mich als Novizen des Schweigsamen ausweist. Ich trage sie nicht voller Stolz – ich trage sie erfüllt mit Glauben und Ehrfurcht vor dem Dunklen Gott. Mutter Borontrud Prahle vom Tempel des Stillen zu Gratenfels weiß zu Schweigen - und so liegt meine Herkunft tief im Dunklen. Bruder Marbonian war ein Findelkind und ich denke, dass meine Herkunft der meines Freundes entspricht, denn keiner von uns kann sich daran erinnern jemals etwas anderes als die schwarze Wollrobe getragen zu haben.

Ein Ritter vom Orden des Heiligen Golgari weilte kürzlich in unserem Kloster - er sah uns lange und durchdringend an, bevor er Richtung Osten ritt. Marbonian als auch ich wussten warum er hier war – der Orden der Golgariten schien auf Knappen-suche zu sein – und sein Besuch in unserem Kloster hatte Erfolg gehabt. Es schien beabsichtigt zu sein die Lehre des Unbeugsamen mit jungen, kräftigen Dienern des Raben unter die Ordensritter zu bringen.

Bereits wenige Tage nachdem Marbonian und ich zum "Diener des Raben" berufen wurden, machten wir uns auf den Weg zum Kloster am Heiligen Rabenfelsen zu Garrensand. Unsere Ausbildung zum Priester des Ewigen war vorüber, die nächste Stufe die der Unergründliche für uns vorsah, stand bevor. Bruder Marbonian ging wie immer mit großem Schritt voran - er war schon immer der Zielstrebigere von uns beiden gewesen. Vielleicht folgte ich ihm aus diesem Grund zum Orden des Heiligen Golgari? War ich dem gewachsen? Selbst unter den Novizen des Rabens war ich stets von Melancholie gezeichnet gewesen – nicht von stummer Arroganz, denn von schwarzgrauer Ruhe.
Leise war Mutter Borontrud am Klostertor erschienen und kaum waren wir an ihr vorübergegangen, drehte sie uns bereits den Rücken zu - doch ihre zwei Abschiedsworte blieben nicht ungehört. Und als "Utharion Winterbruch" kehrte ich Gratenfels den Rücken.

Einige Götterläufe später ...

Ich sah die Schwingen Golgaris nicht kommen und doch fühlte ich, wie sie meinen Leib streiften. Sollte die bitterste Stunde auch meine letzte gewesen sein?
Das Feuer hatte nur einen Augenblick geherrscht - aber das Glühen dauerte eine Ewigkeit.

Ritter Gileans Ring des Raben an meinem Finger brannte auf der Haut - fühlte sich an, wie soeben erst dem Feuer der Schmiede entnommen.
Hitze. Unbeschreibliche Hitze. Dieser fürchterliche Schwefelgestank - und der Geruch von verbranntem Fleisch. Wie lange lag ich schon hier? Das Inferno hatte sich eingebrannt in meine Augen - und es kokelte noch immer unheilvoll vor sich hin. Leises Knistern drang an mein Ohr.
Ich konnte nichts sehen, aber ich spürte eine Last auf mir.

Meine Beine waren eingeklemmt - meine Augen versagten ihren Dienst. Mit gesammelten Kräften schob ich die Blockade von mir - Metall, das auf den Steinboden der Ruine fiel. Ein Körper? Einen zweiten stemmte ich von meinen Beinen hoch - und hörte erneut lautes Geklappere. Blinde Hände suchen meinen Rabenschnabel - halten ihn gezückt vor meinen Kopf.

Dann holte mich Bishdariel zu sich...

Schweigend stand ich über dem, was von meinen Brüdern und Schwestern übrig geblieben war. Rüstungen hatten sich tief eingebrannt in deren Träger - von Haaren, Haut und Wappenrock war nichts mehr zu erkennen. Marbonians Visir des Rabenhelms war geöffnet - ein schreckgeweiteter Mund war der Rest seines Gesichts. Nicht der Ansatz einer Lippe war übrig geblieben, die Augen nur ausgebrannte Löcher.
Und doch: kein Schrei, keinen Ton hatte er von sich gegeben als das Feuer ihn erfasste. Kalte Grabesstille hatte geherrscht als uns das Inferno entgegenschlug. Die Reste des jungen Knappen Boromar waren noch schrecklicher anzusehen - mutig und tatkräftig war er uns vorangegangen durch die Ruinen von Burg Koschwacht. Der Schweigende hatte alle zu sich gerufen - und der Seelenrabe Golgari hatte sie geholt.

Niemals würde ich sie hier zurücklassen.

Ich sah nicht die Gefahr und ich bemerkte nicht die Kraft, die ich hatte um die Reste meiner Gefährten fort von diesem unheiligen Ort zu bringen. Ich zählte nicht die Zeit, die ich brauchte um über jeden meiner Begleiter das Boronsrad zu schlagen und sie zur letzten Ruhe zu geleiten. Viermal wiederholte ich die Worte "Dein Rad ist gebrochen, dein Leben als Ritter auf Dere vorbei ..."
“Als letztes nahm ich Abschied von Marbonian, bevor ich mich auf den Rückweg zur Burg Twergentrutz schleppte. Das Feuer, das unsere Feder verbrannt hatte, begleitete mich.

Wir betraten die Ruine der Burg Koschwacht - die letzten Stunden waren wir dem Gestank bis hierher gefolgt. Ritter Gilean, der noch vor kurzem mein Lehrmeister war, geht mir voran. Ein wahrer Hüne mit einem Rücken breit wie ein Boronsrad. Sein Ring des Raben, einst ein Geschenk seines Bruders, war stets zu eng für seine wuchtigen Hände gewesen und aus Sorge vor Verlust verwahrte ich ihn an meinem Finger. Plötzlich zerreißt gleißendes Licht die Finsternis - zeichnet Gileans Konturen nach, bevor es sie schnell verblassen. Geblendet durch Flammen. Hitze, wie ein Schmelztiegel. Ein Inferno bricht los. Der Pesthauch in der Luft verwandelt sich innerhalb eines Augenblicks in den Geruch verbrannten Fleisches. Ich zwinge mich die Augen offen zu halten, doch ein hell lodernder Körper trifft auf mich - ein weiterer reißt mich von den Beinen - mein Kopf schlägt hart gegen die Mauer. Noch während ich zusammensacke fällt mein letzter Blick auf Gilean.
Doch diesmal verliere ich nicht das Bewusstsein, nein - diesmal schickt mir Bishdariel keinen traumlosen Schlaf. Und obwohl er schwer auf mir liegt, sehe ich den Dampf aus Gileans Visir aufsteigen. Beobachte den Kettenkragen, der sich noch weiter in seine Plattenrüstung einschmilzt.

WO IST MARBONIAN?

Schweißgebadet schrecke ich hoch und blicke in die Augen der Schwingenführerin Alissas. Habe ich geschrieen? Während der Stunden des Schweigen? Dies war nicht das erste Mal gewesen, seit ich vor wenigen Monden allein zurückkehrte.
Der Ruf nach Marbonian erstickt in meinem Hals als sich Alissa zum Gehen wendet.
Hatte ich Mitleid ... oder gar Verachtung in ihren Augen gesehen? Ohne mich umzudrehen verließ ich wenige Tage später die Burg der Golgariten zu Twergentrutz. Der Orden hatte mich ausgesendet meine Berufung zu finden. Besinnung möge mich leiten auf dem Weg die göttliche Ruhe zu finden und den Schmerz zu vergessen - dem Dunklen Gott in Schlaf und Stille wieder gefasst begegnen zu können, war meine Hoffnung. Doch zuvor galt es zurückzugeben, was mir nicht gehörte.

So zog ich hinaus und die weite Kapuze meines Umhangs tief ins Gesicht.

Beschreibung : Unter einer grauen Kapuze funkeln grüne durchdringende Augen voll melancholischer Kälte aus einem kalkweißen Gesicht. Utharion trägt einen langen schwarzen Kapuzenumhang, der Schultern und Hände verdeckt, wenn diese ruhig am Körper liegen. Nur durch einen spaltbreit kann man den langen weißen Wappenrock erkennen, der das Symbol vom Orden des Heiligen Golgari trägt. Seine schwarzen Haare trägt er einen Finger kurz – lediglich zwei schwarze Strähnen fallen zu beiden Seiten 5 Finger breit, wie zwei kurze Schwingen, über die Stirn.

Aus der leichten, geschwärzten Plattenrüstung, welche unter seinem Wappenrock heraus scheint, ragen kräftige Arme heraus, welche in schwarzer Unterkleidung stecken. Seine Füße stecken in schwarzen Stiefeln – seine Beine in schwarzen Beinkleidern, welche vorne und hinten fast bis zu den Stiefeln vom weißen Wappenrock verdeckt werden. An einem breiten schwarzen Gürtel trägt Utharion den traditionellen, gesegneten Rabenschnabel. Den Holzschild mit Emblem des Ordens trägt er auf den Rücken geschnallt unter dem Kapuzenumhang. Utharion geht bedächtig und ehrfürchtig ans Werk – so wurde es ihm seit jeher gelehrt.

Den Al'Anfaner-Ritus sieht Utharion als Prunkbesetztes Mittel um Menschen zu knechten, was ihm widerwärtig aufstößt. Denn das Leid Vieler hat er schon gesehen – und ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen.

Die Selbstzweifel, die ihn manchmal plagen, versucht er durch besonders zielstrebiges und entschlossenes Handeln zu verwischen. Die schrecklichen Alpträume, die ihn manchmal drangsalieren will er nicht wahrhaben – ist ihm doch ungewiss ob Bishdariel ihn auf die Probe stellt.

 

Text: Michael Bloechinger